Neue Medien und selbstständiges Lernen

Es gibt immer mehr Lernprogramme, Lernvideos, Lernplattformen usw. und im Wesentlichen werden sie dafür gelobt, dass die Schülerinnen und Schüler sich mit ihnen den Lernstoff in ihrem eigenen Tempo selbst erschließen können und damit erfolgreicher lernen. Neue Medien oder wie ich lieber sage Digitale Medien (Wann ist neu nicht mehr neu?) scheinen die Lösung zu sein, wenn es um selbstständiges Lernen geht.

Auch ich finde, dass die digitale Welt tolle und vorher nie dagewesene Möglichkeiten des Lernens bietet und dass diese in der Schule auch genutzt werden sollten. Doch wie nutzt man diese Möglichkeiten am besten?

Man könnte denken, dass Kinder und Jugendliche, die in diesem Jahrtausend geboren sind, mit Computern umgehen können, da quasi in jeden Haushalt einer steht und sie damit aufgewachsen sind. Manche sprechen von ihnen als „Digital Natives“. Auch scheint jede Schülerin und jeder Schüler ein Smartphone zu haben und jederzeit damit ins Internet zu kommen. Es wird angenommen, dass Schülerinnen und Schüler ihre Hausaufgaben eher und häufiger machen, wenn sie dazu ihr Smartphone oder den Computer benutzen dürfen.

Meine Erfahrungen aus den letzten 15 Jahren Schule sind da eher ernüchternd. Zwar sind alle diese Schülerinnen und Schüler tatsächlich mit vielerlei technischem Schnickschnack groß geworden sind, aber das bedeutet noch lange nicht, dass sie die Technik auch beherrschen. Der Großteil der Schülerinnen und Schüler, die ich zum ersten Mal in den Computerraum der Schule mitgenommen habe oder an ein Notebook gesetzt habe, konnte einen Computer anschalten und im Internet damit surfen. Dann erschöpften sich auch schon die Kenntnisse der meisten. Und selbst beim Surfen, hatte ich ständig damit zu kämpfen, dass die Schülerinnen und Schüler eine vorgegebene Internetadresse (nämlich meine) nicht erreichen konnten, weil sie den Unterschied zwischen dem Suchfeld des Browsers und dem Suchfeld auf der Google Seite nicht kennen.

Lange Zeit konnte ich mir nicht erklären, woran das liegt, weil ich dachte, dass so ziemlich jeder Haushalt doch bestimmt einen PC oder ein Notebook daheim hat. Auf Nachfrage in einer meiner letzten Lerngruppen wurde ich dann aber eines besseren belehrt. Von den 20 Schülerinnen und Schülern hatten gerade mal 5 freien Zugriff auf einen PC oder ein Notebook. Weitere 5 hatten ein solches Gerät zumindest im Haushalt, so dass in dringenden Fällen auch mal etwas gedruckt werden konnte. Der Rest benutzte das Smartphone oder ein Tablet. Zu drucken gibt es in diesen Familien scheinbar nichts.

Allerdings gibt es auch Technik, die die Jugend mehrheitlich beherrscht. Das Smartphone. Bevor ich mir ein neues Smartphone zulege, befrage ich gern meine Schüler. Die wissen, ob dass Display was taugt, ob’s genug Speicher hat, wie der Empfang ist, usw. Anders als im Geschäft kann ich auf Nachfrage auch jedes Modell mal ohne Alarmanlage in der Hand halten und drauf rumtippen. Und eine größere Modellauswahl inklusive der neuesten Topmodelle gibt’s nirgendwo mehr, als auf dem Schulhof.

Auch in der Bedienung des Smartphones sind sie Experten. Ich erinnere mich, dass ich bei einer Klassenfahrt mal zufällig hinter einer Schülerin gestanden habe, die auf ihrem Smartphone tippte. Selbst wenn ich versucht hätte, das Geschriebene zu lesen, wäre es mir nicht gelungen. Sie tippte mit einer Geschwindigkeit auf ihrem Gadget herum, das mir schwindelig wurde, dabei wechselte sie auch noch die Apps, in denen sie kommunizierte. Es waren mindestens 3 Social Media Plattformen auf denen sie gleichzeitig Unterhaltungen führte und Kommentare abgab. Und sie ist kein Einzelfall. „Gib mal Hotspot“ habe ich unter Schülern schon gehört, bevor ich wusste, dass ein Smartphone sowas kann.

Das Schülerinnen und Schüler häufig höher motiviert sind Arbeiten zu erledigen, wenn elektronische Geräte mit involviert ist, dem stimme ich zu, obwohl der Reiz mit der Zeit auch nachlässt. Allerdings machen meiner Erfahrung nach Schülerinnen und Schüler, die ohne die Technik keine Hausaufgaben machen auch mit der Technik nicht unbedingt ihre Hausaufgaben.

Dem Gesagten folgend gehe ich mittlerweile nicht mehr davon aus, dass die meisten Jugendlichen die digitalen Medien bereits beherrschen, sondern dass es im Unterricht zum Umgang mit diesen Medien der gleichen Sorgfalt bedarf, wie in allen anderen Bereichen der Bildung. Nur so kann man dafür sorgen, dass die Jugendlichen das nötige Vorwissen besitzen, um von den digitalen Medien zu profitieren.

Wie in den anderen Bereichen der Bildung muss man Dinge, die die Jugendlichen gut können und Wissen, dass sie bereits haben, nutzen, um Dinge, die sie nicht gut können und Wissen, dass ihnen fehlt, zu lernen. Ein Ansatzpunkt dabei wäre die Verteufelung des Smartphones an den meisten Schulen zu beenden und die Geräte sinnvoll in den Unterricht einzubinden.

Die Individualisierung des Lernprozesses darf nicht dazu führen, dass jeder nur für sich selbst lernt. Der Austausch zwischen den Lernenden muss gefördert werden um soziale Kompetenzen auszubilden und zu verbessern.

Es müssen Rahmenbedingungen geschaffen, die es ermöglichen allen Schülerinnen und Schülern in gleichem Maße von Digitalen Medien profitieren zu lassen.

Vor allem darf man nicht denken, dass Schülerinnen und Schüler jedes Thema automatisch selbstständig lernen, wenn man sie vor ein Handy, Tablet oder Computer setzt. Am meisten wird es deshalb weiterhin auf die Lehrerinnen und Lehrer ankommen. Zum einen müssen sie wissen, wie man digitale Medien sinnvoll einsetzt, aber viel mehr noch müssen sie in der Lage sein Jugendliche für Themen zu begeistern. Denn ohne Begeisterung oder zumindest Interesse an einem Thema gibt es auch kein erfolgreiches selbstständiges Lernen.

Neue Medien und selbstständiges Lernen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*